15
Ich dachte, Claire würde mit ihrem Verlobten kommen. Auch wenn Menschen im Haven nicht erlaubt waren, war ich sicher, dass Thierry diesmal eine Ausnahme machen würde. Doch stattdessen brachte sie einen kleinen Hund mit, der mehr nach einer Promenadenmischung als nach einer besonderen Rasse aussah.
Er war an der Leine und trug einen Maulkorb.
Ich nickte zu dem Hund. »Ist er nett?«
Sie beäugte den Hund. Der Hund beäugte sie. »Zu freundlich manchmal. Insbesondere wenn er sich an die niedlichen Kellnerinnen im Roten Hummer ranmacht.«
»Wie heißt er?«
»Reggie.«
Ich runzelte die Stirn. »Heißt so nicht auch dein Verlobter?«
Was Reggie mit einem Knurren kommentierte.
Claire sah streng auf ihn herab. »Ich schwöre dir, wenn du jetzt versuchst, irgendetwas zu sagen, hast du noch mehr Schwierigkeiten als sowieso schon. Ich bin stinksauer auf dich.«
Das Knurren schlug in ein Wimmern um, das verdächtig nach: »Ech läbe däch, Clär«, klang.
Sie sah mich an. »Es ist mein Verlobter. Ich habe ihn zur Strafe in einen Hund verwandelt, weil er sich schlecht benommen hat. Er war schon alles Mögliche, eine Ratte, ein Wiesel, ein Frettchen ...« Sie runzelte die Stirn. »Sind Frettchen und Wiesel nicht dasselbe? Wie dem auch sei. Danach war er eine Schlange, ein kleines haariges Schwein, und jetzt ist er ein Hund.«
Ich blinzelte und wartete darauf, dass sie mir erklärte, sie mache nur Spaß, aber sie sah mich total ernst an.
Zehn Wochen zuvor hatte ich an nichts von alledem geglaubt: Vampire, Hexen, Dämonen, was auch immer. Und nun versuchte mir Claire zu sagen, dass sie ihre Zauberkraft eingesetzt hatte, um den Mann, den sie heiraten wollte, zur Strafe in einen Hund zu verwandeln, weil er nach anderen Frauen gesehen hatte?
Okay. He, das ging mich nichts an. Jeder hatte so seine Probleme, und ich hatte genug eigene Schwierigkeiten, mit denen ich fertig werden musste.
Ich blickte hinunter zu Reggie. Er blickte hoch zu mir und wedelte mit dem Schwanz.
Okay ...
Thierry hatte den Club geschlossen. Er würde heute Abend nicht für die Vampiröffentlichkeit geöffnet sein. Das war gut so, denn wir brauchten Platz und Privatsphäre.
Morgen, am Valentinstag, würde das Haven zum letzten Mal mit der alten Mannschaft aufmachen. Danach kamen die neuen Besitzer mit ihren eigenen Leuten. Wahrscheinlich würden sie renovieren und die Einrichtung austauschen. Ich nahm an, dass die Stammkunden weiterhin kommen würden, auch wenn der Club nicht mehr Thierry gehörte. Abgesehen vom Haven wusste ich momentan nur von einem anderen Vampirclub in Toronto. Vier andere hatten entweder aufgegeben oder waren bei dem letzten Blitzkrieg der Jäger dem Erdboden gleichgemacht worden.
Butch hielt an der Tür Wache. Ich war nicht sicher, ob er andere Leute draußen oder mich drinnen halten sollte. Nachdem ich ihn gestern Abend wie einen mannsgroßen Steiff-Bären durch Thierrys Büro geschleudert hatte, sprach er nicht mehr mit mir, obwohl ich mich vorhin aufrichtig bei ihm entschuldigt hatte. Er sah mir auch nicht in die Augen, nicht einmal, um mich böse anzusehen.
Aber nicht weil er genervt war, sondern wohl weil er Angst vor mir hatte.
Vor mir. Das war wirklich absolut lächerlich!
Claire entzündete einige Kerzen. Eigentlich waren es ziemlich viele Kerzen unterschiedlicher Farbe und Form. Es war sogar eine dabei, die wie der Wal aus einem Comic aussah.
»Ist noch irgendjemand anders mit Stacy in Kontakt gewesen, als sie den Fluch ausgesprochen hat?«, fragte sie.
Thierry schüttelte den Kopf, ebenso George. Reggie schüttelte den Maulkorb.
»Ich bin die einzig Glückliche«, sagte ich.
»Setz dich ganz nah im Schneidersitz vor mich.« Sie setzte sich selbst ebenfalls im Schneidersitz in den Kreis der Kerzen. »Und gib mir deine Hände.«
Reggie gab ein leises Knurren von sich, das sich anhörte wie »Raowrrr«.
Ich blickte zu George.
»Zwei Frauen funktionieren bei mir nicht, aber ich benutze meine Fantasie«, sagte er.
Der Club war nur von den Kerzen erleuchtet. Ich setzte mich, Claire nahm meine Hände und drückte ihre Daumen in meine Handflächen.
»Wie funktioniert das?«, fragte ich.
Sie rutschte auf dem harten Fliesenboden hin und her, bis sie bequem saß. »Da du erst kürzlich Kontakt mit Stacy hattest, können wir über dich am ehesten ihren Aufenthaltsort herausfinden. Auch wenn du es vielleicht gar nicht gemerkt hast, hat ihr magisches Wesen eine Art Abdruck bei dir hinterlassen. Ich werde alles bis auf dieses Wesen blockieren und es dann fragen, wo Stacy sich gerade befindet. Das ist ganz einfach.«
Ja, es klang tatsächlich ziemlich einfach. Vielleicht war das auch so, in Twilight Zone.
»Was auch immer du tust, ich bin zu allem bereit.«
»Raowrrrrrrr.«
»Schnauze, Reggie.« Claire schloss die Augen. »Nun, Sarah, konzentrier dich auf das letzte Mal, als du Stacy gesehen hast, wie sie aussah, was sie gesagt hat. Verdränge jeden anderen Gedanken. Mach deinen Kopf von allen Problemen frei. Sei wie ein Fluss, der frei und kraftvoll durch das Land fließt.«
Sei wie ein Fluss.
Ich konnte wie ein Fluss sein. Natürlich konnte ich das.
Ich konzentrierte mich auf das Treffen mit Stacy im Park. Als sie mir erzählt hatte, dass Thierry früher für das Auslöschen der Nachtwandler verantwortlich gewesen war. Dass ihre anderen Opfer die Radieschen jetzt von unten betrachteten. Dass sie fand, ich wäre auf der Schule eine schreckliche Person gewesen. War ich das? War ich wirklich so schlecht? Ich konnte mich nicht erinnern. Vielleicht war ich es ja. Vielleicht war es nur Wunschdenken zu glauben, ich wäre nett und hätte es nicht verdient, dass mir das Leben übel mitspielte, ob nun Skorpion mit retrogradem Merkur oder nicht. Vielleicht hatte ich das alles ja verdient. Vielleicht war es mein Karma, weil ich eine böse Person war.
»Konzentrier dich«, ermahnte Claire mich streng. »Ich sehe keinen Fluss. Ich sehe nur eine Kloake.«
»Entschuldige.«
Ich stieß langsam und gleichmäßig die Luft aus, versuchte, mich zu konzentrieren, und verdrängte all meinen Stress und meine Angst. Es war nicht leicht, doch langsam, aber sicher entspannte ich mich und konnte mich besser konzentrieren.
Der Park. Es war kalt.
Stacy weigerte sich zu helfen. Sie trug einen roten Mantel. Ihr Gesicht war im Mondlicht blass. Ihre Lippen rot wie ihr Mantel. Rot wie Blut auf meiner Zunge. Heißer schmelzender Zucker, der meine Kehle hinunterlief, um mich zu wärmen.
Es war so kalt in mir. Zu kalt.
Kein Herzschlag bedeutete, dass ich tot war.
Aber ich fühlte mich nicht tot. Ich fühlte mich lebendig. Lebendiger als jemals zuvor.
»Ich glaube, ich habe etwas«, verkündete Claire. »Du machst das großartig, Sarah.«
Ich öffnete die Augen und atmete ganz gleichmäßig weiterhin durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Mein Herz schlug zwar nicht, aber ich atmete. Ich hielt die Luft an, um festzustellen, ob das einen Unterschied machte. Es machte keinen. Ich hatte noch nicht einmal das Gefühl, dass ich jemals wieder atmen müsste, wenn ich nicht wollte. Das hätte störend sein können, doch das war es nicht. Ich zwang mich, wieder zu atmen. Es war schließlich eine Art Angewohnheit. Wenn ich es nicht mehr täte, würden die Leute mich womöglich komisch ansehen.
Ich merkte, wie sich in mir langsam Nebel bildete, so schleichend, dass ich es zunächst gar nicht bemerkt hatte, doch mit jedem vorgetäuschten Atemzug wurde er dichter.
Zwischen uns kreiste langsam ein Netz aus Licht. Es wirkte auf mich nicht sonderlich interessant, also ignorierte ich es und sah daran vorbei auf Claire. Sie hatte die Aufmerksamkeit auf das Licht gerichtet und die Stirn vor lauter Konzentration in Falten gelegt. Ich konnte an ihrem Hals sehen, wie schnell ihr Herz schlug.
Ich konnte es fast mit jeder Faser meines Körpers schmecken und genießen.
Ich krabbelte auf sie zu und konzentrierte mich nur noch auf den kleinen Fleck warmer rosa Haut an der Seite ihres Halses. Wie war das passiert? Durch die Entspannung? Dadurch, dass ich mich von dem sinnlosen Stress frei gemacht hatte? Es hatte auf jeden Fall geholfen. Deutlich.
»Gut, Sarah«, erklärte Claire. »Die größere Nähe hilft wahrscheinlich, die Energie noch besser zu sammeln.« Sie konzentrierte sich auf das Licht, und auf ihrem Gesicht erschien ein breites Lächeln. »Jetzt haben wir sie gleich.«
Ich packte Claire vorn an ihrem Pullover und zog sie näher zu mir, dann legte ich den Kopf auf eine Seite. Schließlich wandte sie mir ihre Aufmerksamkeit zu, und unsere Blicke trafen sich.
»Sarah, was machst du da?«
»Schh.« Ich legte meinen Zeigefinger auf ihre Lippen.
Ich konnte ihren Herzschlag in meinem Kopf spüren, hörte ihn in meinen Ohren, als würde er mein eigenes stillstehendes Herz ersetzen. Er war jetzt so nah. Der Puls war so nah. Bei dem Gedanken, meine Reißzähne in ihrem warmen Fleisch zu versenken, lief mir das Wasser im Mund zusammen. So lebendig. So kraftvoll. Blut vom Fass reichte mir nicht. Es war zu kalt, ich brauchte frisches Blut aus einer lebenden, atmenden Quelle.
»Hallo, hilft mir vielleicht jemand?«, rief Claire, rührte sich jedoch nicht vom Fleck. »Kann mir bitte jemand helfen? Ich bin von der Anwendung des Zaubers geschwächt. Sarah macht mir Angst, Alarm! Hilfe!«
Ich kratzte mit meinen Reißzähnen an ihrem Hals. Ich wollte, dass es nie aufhörte. Ich wollte jede Sekunde genießen. Es war ein Grundbedürfnis. Ein rasendes Verlangen zu trinken. Und irgendwie schien es mir in diesem Moment absolut richtig. So musste es sich anfühlen, ein Vampir zu sein. Dieser innere Schmerz ließ sich nur durch eine Sache lindern: Blut.
Ich hörte Schritte hinter mir, doch ich wusste, dass ich nicht aufzuhalten war. Ich war jetzt zu stark. Ich konnte jeden abwehren, der sich mir in den Weg stellte. Sie taten gut daran, sich von mir fernzuhalten, bis ich fertig war.
Doch bevor ich die Sache sozusagen besiegeln konnte, bemerkte ich ein sonderbares Gefühl. Anstelle zupackender Hände, die mich versuchten von Claire wegzuziehen, spürte ich einen heftigen, schmerzvollen Stromschlag. Ich zuckte wütend fauchend zurück und sah nach oben. Butch stand groß und breit neben mir und hielt etwas in der Hand, das ich durch den Nebel hindurch als Elektroschocker identifizierte.
Thierry stand mit angespanntem Gesichtsausdruck und verschränkten Armen hinter ihm. »Noch einmal«, drängte er Butch entschlossen. »Mach schnell, bevor es zu spät ist.«
Ich ballte die Hände zu Fäusten, war mit einem Sprung auf den Beinen und langte nach ihm. Jetzt stand Butch wie angewurzelt da. Was auch immer er in meinem Gesicht sah, ließ ihn erstarren. Thierry nahm ihm den Elektroschocker ab und berührte damit ohne zu zögern meine Brust an der Stelle, wo eine Narbe noch schwach an meine Stichwunde erinnerte. Der Strom floss durch meinen Körper und machte mich bewegungsunfähig.
Ich sah ihn mit großen Augen an.
Er erwiderte meinen Blick angespannt. »Es tut mir sehr leid, Sarah.«
Ich sackte zu Boden und fühlte die kalten Fliesen auf meinem Gesicht, Sekunden später wurde alles um mich herum schwarz.
Als ich wieder erwachte, waren meine Lider so schwer, dass ich sie nicht öffnen konnte. Es schienen Ziegelsteine aus verschmierter, mehrere Tage alter Wimperntusche darauf zu liegen.
Ich wusste nicht, wo ich war, hörte aber deutlich, wie die Leute miteinander sprachen.
»Und was passiert, wenn das nicht funktioniert? Sie ist gefährlich.« Das war Butch.
»Gönnt ihr eine Pause, sie hat eine Menge durchgemacht«, antwortete George.
»Und was soll ich eurer Meinung nach tun?«, fragte Thierry mit seiner tiefen Stimme nachdrücklich.
»Ich schlage vor, dass wir uns des Problems annehmen, bevor es noch größer wird«, erklärte Butch.
»Ich fürchte, da musst du wohl etwas deutlicher werden«, erwiderte Thierry. »Ich habe ein paar anstrengende Tage hinter mir und verstehe nicht genau, was du meinst.«
»Wenn sie ein echter Nachtwandler ist und wir diese Hexe nicht finden können, muss sie vernichtet werden. Es gibt keine andere Lösung.«
»Bist du verrückt?«, mischte sich George ein. »Das ist nur ein blöder Fluch, sie ist doch normalerweise nicht so. Auf keinen Fall. Wir können Sarah nicht wehtun. Das werde ich nicht zulassen.«
»Ach ja?«, fuhr Butch fort. »Glaubst du wirklich, du könntest mich aufhalten?«
»Vielleicht George nicht allein, aber wenn ich sehe, dass du Sarah auch nur ein Haar krümmst, bringe ich dich höchstpersönlich um. Das kannst du mir glauben«, versprach Thierry.
»Hört zu, ihr habt noch nicht verstanden, was ich euch versuche zu erklären...«, rechtfertigte sich Butch.
»Nein«, schnitt Thierry ihm das Wort ab, »du bist derjenige, der nicht versteht. Wenn du irgendwie versuchst, ihr wehzutun, verspreche ich dir, dass ich den Spieß umdrehe.«
Es folgte Schweigen.
»Ich kann nicht bleiben«, sagte Butch schließlich. »Wenn ihr einen Fehler begehen und dadurch eine mögliche Katastrophe beschwören wollt, ist das eure Sache. Aber ich will nichts damit zu tun haben.«
»Dann bist du hiermit entlassen. Fristlos. Ich werde dich bis einschließlich heute für deine Arbeit bezahlen. Und jetzt verschwinde.«
Seinen Worten folgte ein kurzes Schweigen, dann hörte ich schwere Schritte, als Butch den Raum verließ.
Ich schaffte es, die Augen aufzuschlagen, und blickte zu George und Thierry auf. Ich lag wieder auf dem Ledersofa. Vielleicht sollte ich mir eine warme, kuschelige Decke zulegen, da dieses Sofa offenbar mein neues Zuhause geworden war. Reggie schlief - nach wie vor in der Gestalt eines Hundes - zusammengerollt zu meinen Füßen und schnarchte leise vor sich hin.
»Habe ich irgendetwas verpasst?« Meine Worte klangen so trocken, wie sich mein Mund anfühlte.
»Claire, sie ist wach«, sagte Thierry, und ich konnte die Anspannung in seiner Stimme hören.
Etwas stieß mich sanft an, und ich sah hoch. Claire hielt einen Stab in der Hand und tippte damit gegen meine Schulter. »Sarah, bist du ganz da?«
»Oh, ich bin ganz da, alles okay. Leider.« Ich blickte auf den Stab. »Konntet ihr keinen größeren Pflock finden?«
»Sie ist wieder normal«, bemerkte Thierry. »Wenn die Dunkelheit über sie kommt, verliert sie ihren Hang zum Sarkasmus.«
Ich blinzelte ihn an. »Schön, dass du diese feinen Unterschiede bemerkst.«
Er biss die Zähne aufeinander. »Es tut mir leid, dass ich zu extremen Maßnahmen greifen musste.«
»Nicht so extrem, wie sie hätten sein können. Ich habe gehört, was Butch gesagt hat.«
Er schluckte heftig, aber sein Ausdruck blieb unverändert. »Ich bedauere, dass du das mit anhören musstest.«
»Nein, mir tut es leid.« Ich sah zu Claire. »Bist du in Ordnung?«
Sie hob abwehrend die Hand. »Bitte. Es war nicht gerade das erste Mal, dass ich angegriffen worden bin.«
»Von einem Vampir?«
»Vampire, Dämonen, Teilzeitkräfte. Wo ist da der Unterschied?« Sie legte den Stab weg und hielt ihre Hände über mich. »Aber du könntest mir einen Gefallen tun und das nicht noch einmal machen.«
»Ich wünschte, ich könnte behaupten, die Kontrolle darüber zu haben.«
»Ich bin sicher, dass du das mit ausreichend Übung hinbekommst. Denk nur wie ein Fluss. Du hast mehr wie ein großer, gefährlicher Wasserfall gedacht.«
Ich runzelte die Stirn. »Ich kann nicht wie Wasser denken. Dann muss ich auf die Toilette.«
»Spürst du irgendetwas?«, fragte Thierry.
»Oh, eindeutig«, erklärte Claire. »Ich fühle den Fluch. Er ist superstark.«
»Kannst du irgendetwas tun, um ihn zu aufzuheben?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ich bin ziemlich mächtig, aber diese Stacy hat sich offenbar den megadunklen Künsten ergeben.«
»Also bist du mehr wie ›Glinda, die Gute Hexe‹?«, fragte ich. »Deine Zauberei ist rein?«
Sie schnaubte verächtlich. »Nicht wirklich. Ich kann mir nur die echt coolen Zauberbücher nicht leisten. Hast du eine Ahnung, was man für so was hinblättern muss?«
»Nein.«
»Manche Bücher kosten tausend Dollar, und die gehören noch zu den günstigeren. Für die tatsächlich guten musst du einen Teil deiner Seele in Zahlung geben. Und der Preis ist mir zu hoch. Andererseits kann man immer eine mächtigere Hexe umbringen und ihre Bibliothek stehlen. Das ist eine günstigere Option, aber dann besteht die Gefahr, dass ihr rachsüchtiger Geist zurückkehrt und dich fertigmacht.«
»Ich kann nicht glauben, dass irgendjemand so leben will.« Ich schloss die Augen und dachte über die Nachtwandler nach, die vor so langer Zeit die Erde bevölkert hatten. »Es scheint mit jeder Minute nur schlimmer zu werden. Ich kann so nicht leben. Ich will niemandem etwas antun.«
»Das wirst du auch nicht«, erklärte Thierry fest.
Ich sah zu Claire. »Hat die Suchformel funktioniert? Weißt du, wo wir Stacy finden?«
Sie schüttelte den Kopf. »Es war nicht genügend Zeit. Aber wir werden...« Sie schluckte schwer. »Wir werden es noch einmal versuchen.«
»Kannst du dich bewegen?«, fragte Thierry.
Ich nickte und setzte mich schwerfällig auf. Weder Claire noch George machten Anstalten, mir zu helfen, doch Thierry war da, nahm meine Hand und half mir auf. Als ich mich nicht weigerte, lächelte er mich an.
»Was?«, fragte ich.
»Ich bin angenehm überrascht, dass du dich noch von mir anfassen lässt, nach dem, was ich getan habe.«
Ich hob eine Braue. »Du meinst, weil du mich mit dem Elektroschocker unschädlich gemacht hast?«
»Ja.«
»Du hast recht, das ist alles andere als eine romantische Erinnerung, und das auch noch einen Tag vor dem Valentinstag, aber ich habe dir wohl keine andere Wahl gelassen.«
»Ich werde es wiedergutmachen.«
»Ach ja?« Ich hob fragend eine Braue. »Und wie?«
»Ich werde mir etwas Angemessenes ausdenken.« Er beugte sich vor und küsste mich kurz. Ich seufzte an seinen Lippen.
»He«, rief George. »Passt auf!«
»Schon gut«, erwiderte Thierry und blickte mich an. »Es ist doch gut, oder?«
Ich nickte. »Im Moment, ja.«
Der Kuss half mir, einen klaren Kopf zu bekommen und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich musste geheilt werden, damit Thierry und ich zusammen sein konnten. Ich musste geheilt werden, damit meine Freunde keine Angst mehr vor mir haben mussten. Das war wichtiger als alles andere. Ich wollte niemanden verletzen, den ich mochte. Zur Hölle, ich wollte noch nicht einmal jemanden verletzen, den ich nicht mochte.
Das hieß, bei Stacy würde ich womöglich die Ausnahme von der Regel machen.
Ich musste so schnell wie möglich von diesem blöden Fluch geheilt werden, aber leider hatten wir es hier nicht bloß mit ein paar Bakterien zu tun.
Was würde ich dafür geben, einfach nur einen richtig schlimmen Schnupfen zu haben!
Das Telefon klingelte, und Thierry ging zum Schreibtisch, um abzunehmen. Ich fragte mich, ob es wohl wieder Veronique war, aber an seiner Miene konnte ich erkennen, dass es jemand anderes war. Jemand Unangenehmeres.
Er hielt die Hand über die Sprechmuschel und sah mich an. »Fühlst du dich gut genug, um ein Gespräch anzunehmen?«
»Wer ist es denn?«
»Stacy«, sagte er schlicht.
Ich riss die Augen auf und streckte die Hand nach dem Hörer aus. Obwohl Thierry sehr besorgt wirkte, brachte er mir das Telefon.
»Hallo?« Meine Stimme war nur ein Flüstern.
»Sarah«, sagte Stacy. »Ich habe nachgedacht.«
»Worüber?«
»Ich weiß, dass du versucht hast, mich gerade zu finden. Ich habe gemerkt, wie die andere Hexe gearbeitet hat. Sie ist ziemlich stark. Du bist wohl ziemlich fest entschlossen, diesen Fluch loszuwerden, richtig?«
»Ja, das bin ich. Stacy, hör mir zu, du musst vernünftig sein. Ich weiß, dass du in der Vergangenheit zutiefst gekränkt worden bist. Aber du musst das hinter dir lassen und an die Zukunft denken.«
»Ja, das weiß ich jetzt auch.«
Ich war überrascht. »Ja?«
»Ja, es ist ... es ist verrückt, wie das Leben so spielt, Sarah. Ich habe so etwas noch nie erlebt.« Sie zögerte. »Ich bin verliebt.«
»Du bist verliebt?« Das war das Letzte, womit ich gerechnet hatte.
»Ich habe eingesehen, dass ich mich falsch verhalten habe, und bereue, was ich dir angetan habe. Wir haben noch bis morgen Abend Zeit, den Fluch aufzuheben. Ich möchte, dass du sofort zu mir nach Hause kommst, damit ich mich darum kümmern kann. Dann können wir beide in unser wundervolles neues Leben starten, mit den Männern, die wir lieben.«
Wenn ich sagen würde, dass ich ihre Worte mit Skepsis anhörte, wäre das die Untertreibung des Jahrhunderts gewesen. »Lass mich raten. Du willst, dass ich allein komme? Vergiss es. Darauf falle ich nicht noch einmal herein.«
»Nein, nein, du kannst kommen, mit wem du willst. Du kannst sogar Thierry mitbringen, wenn du möchtest. Ich habe nichts mehr zu verbergen. Nach heute Abend werde ich keine schwarze Magie mehr betreiben. Ich werde zur Heilerin. Ich werde den Leuten helfen, statt ihnen zu schaden. Es ist verrückt, wie die Tatsache, dass ich nach all den Jahren den richtigen Mann gefunden habe, meine ganze Einstellung verändert hat. Ich fühle mich so lebendig wie seit Jahren nicht mehr.«
Ich lauschte auf das Geräusch meines Herzschlags und vernahm nur Stille. »Ich wünschte, ich könnte dasselbe von mir sagen.«
»Kommst du oder nicht?«
Ich zögerte und blickte zu Thierry, der mich unablässig besorgt ansah. Es war keine Frage, dass ich zu Stacy gehen würde. Ich konnte nur hoffen, dass sie es diesmal ernst meinte. Wenn sie tatsächlich einen Mann gefunden hatte, der diese verrückte Hexe liebte, dann nur zu. Obwohl es nicht wirklich die schrecklichen Dinge entschuldigte, die sie in der Vergangenheit getan hatte. Soweit ich wusste, war sie mindestens für den Tod von sechs Leuten verantwortlich.
Das war nicht gerade ein angemessenes Verhalten für die harmlose Hexe von nebenan.
»Ich komme«, erklärte ich und versuchte, ruhig zu bleiben, obwohl es mir schwerfiel. Ich hasste es, mir große Hoffnungen zu machen, die dann wieder enttäuscht wurden, doch momentan konnte ich nichts dagegen tun, dass meine Hoffnung wuchs. Wer auch immer Stacy umgehauen hatte, ich würde ihm ewig dankbar sein, dass er im richtigen Moment am richtigen Ort aufgetaucht war.
Stacy nannte mir die Adresse, und ich notierte sie auf einem Zettel.
»Noch etwas, Sarah«, meinte sie und zögerte dann.
»Was?«, drängte ich.
»Es tut mir leid. Alles. Die Vergangenheit ist vorüber, und vor uns liegt eine strahlende Zukunft. Für uns beide.«
Ich konnte ihr Lächeln fast hören.
Nachdem ich ihr erklärt hatte, dass wir in einer halben Stunde da sein würden, legte ich auf.
»Sie wird den Fluch aufheben«, sagte ich ruhig.
George stieß erleichtert einen langen Seufzer aus. »Wann fahren wir los?«
»Sofort«, erklärte Thierry fest. »Je eher, desto besser.«
Dagegen hatte ich ausnahmsweise nicht das Geringste einzuwenden.